Maria Gall
Therapieverlauf
Ausgangslage: Die Therapie begann Anfang Juli 2003. Kl kenne ich schon länger.
Vor 1 1/2 Jahren geriet er in so tiefe Depression, dass er stationär in
der Psychiatrie der Uni-Klinik Frankfurt behandelt wurde. In dieser Zeit machte
ich einige Sessions mit ihm, sein Zustand auch nach der Entlassung war allerdings
so schlecht, dass er nicht dabei blieb. Inzwischen hatte er sich so weit stabilisiert,
dass er wieder regelmässig arbeitete. Er kam zu mir, weil er sich aus drei
Gründen sehr schlecht fühlte: 1. an seinem Arbeitsplatz fühlte
er sich unwohl, weil er mit manchen Aufgaben nicht zurecht kam, sie auf die
lange Bank schob oder zu langsam erledigte, wodurch er mit den Kollegen nicht
zurecht kam. 2. er sich in hohe Schulden manövriert hatte durch eine „neue
Sucht“ (früher Alkohol), in Saunaclubs viel Geld für Sex auszugeben.
3. gab dies seinen depressiven Neigungen wieder vollen Schub, so dass er die
Haltung „ist ja eh alles egal“ einnahm und einen Selbstmord als
(Er)- Lösung vorsichtig andeutete.
Therapieverlauf: Insgesamt haben wir ca. 20 Sessions innerhalb von 3 Monaten
gemacht. In den ersten 6 Wochen haben wir ca. zweimal pro Woche zusammen gearbeitet.
Dabei habe ich längere Gespräche mit Kl geführt vor den Sessions,
nicht unbedingt als Vorbereitung der Session, sondern um viele Aspekte seines
täglichen Lebens zur Sprachen kommen zu lassen. Die Nachgespräche
habe ich kurz gehalten. In der ersten Zeit hatte Kl das Bedürfnis, mich
häufig anzurufen, was aber mit dem Fortschritt der Therapie abnahm.
Zu Beginn der Therapie kam Kl immer in gebeugt-hängender Haltung an. Er
war immer erschöpft und müde, was sich auch in den Sessions bemerkbar
machte. Depression äussert sich u.a. an einer äusserst geringen Anteilnahme,
was sich zu Beginn deutlich zeigte: in der Entspannungsphase schlief er ein
oder war nur schwer zur Kommunikation zu bewegen. Einmal habe ich konsequent
die Session schon am Beginn abgebrochen, weil Kl nicht kommunizierte.
An den Beginn setzte ich die Arbeit mit Inneren Helfern, vor allem den Gestalten
IK, IF, IM., da mir klar war, dass Kl keine rechten Bezug zu sich selbst hatte.
Die 1. Session mit IK konnte aus technischen Gründen nicht aufgenommen
werden. Bezeichnend ist IK sehr klein, (Kl sieht sich als klein und nicht erwachsen)
dennoch ein Nukleus an Kraft. IM und IF sind Energie- und Kraftgestalten, zumal
IF Wölfin ist wurde auf Inneren Löwen verzichtet.
Vier Sessions beschäftigen sich ausschliesslich mit der verqueren verquckten
Beziehung zur Mutter- und sehr wichtig – der Trauerarbeit um die Mutter,
das Kl sich vorwarf, nicht beim Tod anwesend gewesen zu sein.
Die Verletzungen aus der Situation der unvollständigen Familie sind das
Thema im weiteren Verlauf. Hier sind die Sessions 8 und 9 von besonderem Gewicht,
weil hier seine zentralen Muster der Minderwertigkeit und der Angst etwas zu
tun in Situationen, wo sie entstanden sind, kippen. Den Höhepunkt stellt
dann Session 13 da, aus der Kl euphorisch hervorgeht. Tage später sagt
mir Kl, dass er ein völlig neues, wohliges Lebensgefühl erfährt
In den folgenden Sessions beschäftigen wir uns vorwiegend mit seinen sehr
hartnäckigen Verspannungen in der linken Körperhälfte, die –
nach den bisherigen Sessions zu urteilen – mit einer zu grossen energetischen
Anstrengung und Anspannung zu tun haben. Bisher konnte hier nur partielle Erfolge
erzielt werden. Ein wichtiges Thema war auch das Finden/Erspüren der Mitte,
des Ausgleichs zwischen Extremen, die in seinem Suchtverhalten eine grosse Rolle
spielen.
Ergebnis:
Heute hat Kl die typisch depressiven Ausdruckformen verloren. Am Arbeitplatz
erledigt er die Aufgaben vielleicht nicht super zügig, aber er schafft
es. Die Kollegen bemerken es bereits, da er auch besser mit ihnen kommuniziert.
Hat die Angst vor Unbekanntem weitgehend abgelegt, und teilt Zeit besser ein.
Ein grosser Gewinn ist, dass er allein sein kann mit sich in seiner Wohnung,
dass er anfängt auch dort seine Sachen zu ordnen. Dies ist eine der Voraussetzungen,
den Lockungen des Saunaclubs zu widerstehe. In letzter Zeit war er nicht mehr
im Saunaclub. Kl konnte schon immer sehr lustig sein, was heute aber nicht mehr
die Spitzen des manischen Zustands hat.
Fazit:
Kl vermittelt einen lockeren, heiteren Eindruck. Nach nur 3 Monaten Synergetiik-Therapie
ist das in meinen Augen ein gutes Ergebnis. Es bleibt die Arbeit an seinen Verspannungen,
sowie „Feinarbeit“. Kl ist soweit stabil und sieht wieder Sinn in
seinem Leben, wenn er das TUN auch noch als anstrengend empfindet.
Hier einzelne Sessions im Überblick:
Session 2 Mein Raum
In dieser Session wird der Nährboden beleuchtet, auf dem die Angst, eigenständige
Schritte zu tun, gewachsen ist. Dies ist vor allem die unklare, widersprüchliche
Haltung der Mutter. Aus ihrem Minderwertigkeitsgefühl heraus erwartet sie
einerseits Perfektion von ihrem Sohn (anstelle der eigenen), andererseits nimmt
sie ihm alles ab, um ihm gegenüber ihre Perfektion zu beweisen. Kl lernt
nur Extreme kenne und wird dadurch hilflos, Zwischentöne/-stufen zu erkennen
und sich diese als Ziele vor Augen zu führen. Wie sehr ein Muster allgegenwärtig
ist, zeigt sich darin, dass Kl emotional nicht differenzieren kann, es gibt
für ihn nur „gut“, „toll“ oder „schlecht“.
Session 3 Der innere Mann (IM)
Die 1.Session befasste sich mit dem Inneren Kind (IK) und wurde aus technischen
Gründen nicht aufgezeichnet. In der vorliegenden Session wird aber bereits
Bezug darauf genommen. In dieser Session zeigen sich folgende Muster
-Energie, Leben, Fähigkeiten auf der einen Seite stehen unverbunden seinem
Anteil an Angst, Todessehnsucht, geringstem Selbstwert gegenüber = Basismuster
für „manisch-depresssiv“, wobei der depressive Anteil bei diesem
Kl weit überwiegt.
-Angst verhindert die Abnabelung von der Mutter und das innere Wachstum
-sowie jeden Fort-Schritt ins Leben zur Entwicklung seiner Kräfte und Fähigkeiten,
-weil er nur die Extreme wahrnimmt, vor denen er hilflos steht, und keine Zwischenschritte
und –stufen kennt, die zu tun ihm weniger Angst einflössen würden.
Session 4 Die Innere Frau (IF)
In dieser Session trifft Kl seinen eigenen, inneren weiblichen Anteil, der –
vielleicht überraschend – Wildheit und Ungestüm sowie Fürsorge
und Verlässlichkeit ausdrückt. IF tritt aber auch als Mutter auf.
All seine Muster treten hier wieder auf. Wichtig war mir die Konfrontation mit
Mutter und Saunaclub (Prostitution). Prostitution erinnert ihn an „überrennen“/missachten
seiner Mutter sowie seines weiblichen Anteils. Indem Mutter Anteil an Wildheit
und Ungestüm bekommt, kann Kl lebendig werden und (Tanz)-Schritte machen.
Session 5 Abschied von der Mama
Dies ist eine hoch dramatische Session. Sie zeigt die Verquickung zwischen mehreren
sich überlagernden Mustern.
-Einmal dem unklaren inneren Bild der Mutter: die Bindung an sie ist so intensiv
wie zu einer Geliebten, weshalb diese Bilder sich überlagern, und reicht
über ihren Tod hinaus. D.h. Kl nimmt Zwitterrolle zwischen Kind und Geliebtem/Partner
ein.
-Zum anderen einer Sexualität, die nur in ihren Extremen wahrgenommen und
erfahren werden kann. Kl pendelt hilflos zwischen diesen Extremen.
-Typischerweise kann er keine Schritte zu seiner Befreiung tun, da er keine
Entscheidung treffen kann.
Aus dieser Session wird am Ende befreiende Trauerarbeit, da Mutter ihn sehr
bereitwillig entlässt und sogar vehement von sich schiebt, damit er endlich
anfängt, sein Leben zu leben.
Session 6 Der Energiestrom
Kl zeigt in dieser Session in mehrfacher Version seiner Rückwärtsgewandtheit
und seiner Angst vor Veränderung. Diese Starrheit äussert sich auf
körperlicher Ebene in Schmerzen in linker Körperhälfte, auf der
Ebene der inneren Bilder als erstarrter Lavastrom. Erstarrung resultiert aus
der zu intensiven symbiotischen Bindung an Mutter, die er in seiner Angst vor
Veränderung nicht lösen will. Da Kl nicht in Richtung Veränderung
gehen kann, schiebe’ ich ihn rückwärts, um ihn durch Absurdität
an Wendepunkt zu führen. Das passiert auch, indem seine alten Klamotten
ihn auslachen, er zwar als Embryo zurück in Mutter will, diese ihn aber
ganz entschieden zurückweist. Dabei vollzieht sich eine energetische Entladung
(Tränen) bei nochmaliger Auseinandersetzung mit der Mutter.
Ich rege an, in seinen Lavastrom vor seiner Erstarrung zu gehen (rückwärts).
Hier nun kippt das Muster: er findet seine strömende, heisse Lebensenergie.
Session 7 Leben und Bequemlichkeit
Diese Session hat nur das Muster Verweigerung, nicht gehen wollen, bis zu nicht
leben wollen zum Thema. Sie ist voller überraschender Wendungen und zeigt,
wie schwankend und schwach der Zustand des Kl ist. Gleich zu Beginn ereignet
sich eine Musterkippung, die Kl aber sehr bald wieder sabotiert. Da er gar nicht
mehr atmen wollte, schlage ich vor, es mal auszuprobieren. Er hält mehrere
Male den Atem an so lang es nur geht. Dabei erfährt er, dass er leben möchte,
weil er noch viel zu tun hat! Der Antagonist zum Leben meldet sich sofort, das
ist die Bequemlichkeit. Kl findet heraus, dass die Bequemlichkeit ihm als Schutz
vor Anforderungen von aussen und vor seiner Verantwortlichkeit dient. Es entspinnt
sich eine vielsagender Disput zwischen Leben und Bequemlichkeit, ob und wie
die hemmende Bequemlichkeit beseitigt oder überwunden werden könnte.
Überraschenderweise obsiegt am Ende die Bequemlichkeit, denn er müsste
sonst handeln. Ich breche die Session ab, da Kl „müde“ ist
und verweigert. Kl sagt mir später, dass er gerade durch den konsequenten
Abbruch sehr viel gelernt habe. (Session 8 Über die Generationen) liegt
nicht in kommentierter Kurzfassung vor
In dieser Session zeigt sich der bereits gewonnene positive Gemütszustand
des Kl gegenüber vorherigen Sessions. Er betritt einen strahlenden Kristall,
der ihm sagt, dass auch er so strahlen kann, er muss allerdings etwas tun. Er
trifft eine Seite seiner Gefühle, vor denen er Angst hat. Im Folgenden
ergibt sich die Integration bisher nicht gelebter Persönlichkeitsanteile,
indem Kl das Herz seines Vaters findet, das er in seins hineinnimmt. Das gibt
ihm das Gefühl, endlich vollständig und vollwertig zu sein. Der Vater
wurde in der Familie totgeschwiegen. Mutter hielt ihn von sich und dem Sohn
fern, beraubte damit den Sohn nicht nur des Vaters sondern auch eines inneren
männlichen Anteils. Kl fühlte sich immer minderwertig, da dieser Persönlichkeitsanteil
von der Mutter nicht akzeptiert wurde. Der Grossvater projizierte gar die Verachtung
für den Schwiegersohn auf den Enkel.
Auch äusseren, in der Familienkonstellation kippt das Muster der ressentimen-geladenen
Trennung der Eltern, sie können jetzt beisammen stehen und sprechen fürsorglich
mit Sohn. Die Angst einflössende Unnahbarkeit des Opa lässt sich nicht
so leicht auflösen, weil er voller Hass gegen den Vater ist und Enkel die
Hand verweigert.
Da Vater und Mutter emotional keine grösseren Probleme miteinander haben,
rege ich Kl an, die Beziehung zwischen Grossvater und Mutter zu erfragen. Dabei
zeigt sich die Tradierung von Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern innerhalb
einer Familie über die Generationen hinaus. Opa war nicht die Liebe der
Oma, hat daher seine Gefühle abgeschnitten und begriff sich allein als
Ernährer und Hüter der Familie. Dieses Muster hat Tochter voll übernommen,
d.h. kein Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und die Sicht, Mann sei nur
Ernährer, was er gerade nicht erfüllte. Nach Auflösung dieses
Musters ist Grossvater nahbar und liebevoll, für Kl schmilzt die Angst
und Gefühl der Nichtakzeptanz dahin.
Kl ist von dieser Session überwältigt. (Session 9 Die zerlachte Mauer)
) liegt nicht in kommentierter Kurzfassung vor
Kl. trifft in seiner Alltagssituation in seiner Arbeit auf sein Gefühl
ich kann nicht und die Unfähigkeit, Schritt für Schritt Dinge zu bewältigen,
was seine Angst vergrössert. Typischerweise trifft er auch wieder auf seine
Verspannungen in der linken Körperhälfte. Schliesslich drückt
sich diese Gefühlslage als Bild einer riesig hohen Mauer aus. Sein Grossvater
hat mit dieser Mauer zu tun. Sie steht für die Angst und Ohnmacht vor der
Unnahbarkeit des Grossvaters. Mauer ist Hemmnis und Schutz, für Grossvater
ist sie Schutzwall gegen seine Gefühle generell, für Kl ist sie Hemmnis,
Dinge anzupacken und vorwärts zu gehen. Immer wieder sagt die Angst, dass
sie auch Fürsorge ist. Er selbst hat die Mauer so hoch aufgebaut, indem
er bei ihrem Anblick immer mehr Angst bekommt, statt Schritte zur Bewältigung
zu unternehmen.
Originelle Musterkippung: Als dem Opa das ganze Ausmass der Auswirkung seiner
Gefühlsmauer klar wird, ist er erschrocken und einsichtig und schlägt
vor, Mauer durch Lachen zum Einsturz zu bringen, weil „es das ist, was
wir nie miteinander getan haben.“ Mauer, Angst, Opa, alle sagen Kl, er
müsse vorwärtsgehen. Angst ist nicht ganz verschwunden, sie ist ja
auch die Fürsorge.Session 13 Ich bin der Beste
Kl beginnt in seinem bekannten Muster, am liebsten nicht existent zu sein. Ein
Grund mag der Ausspruch der Mutter sein, es sei besser, er sei nicht geboren.
Ich schlage vor, er solle immer kleiner werden, den Weg zurück gehen, um
in seinem Wunsch hineinzugehen. Mutter protestiert und es ergibt sich eine Auseinandersetzung
um seine Akzeptanz, die er so dringend braucht, die er von seiner Mutter haben
will. Es zeigt sich in dieser Situation, dass Kl sich bereits etwas von Mutter
befreit hat, denn er verteidigt seine Rechte wesentlich besser und heftiger
als in vorangegangenen Sessions. Da fällt der Satz, der das Muster des
Gefühls. nicht akzeptiert zu werden, kippt: Natürlich bist du der
Beste.
Diverse Situationen erfahren eine Transformation und Kl kann nicht häufig
genug bestätigen: Ich bin der Beste.
Später sagt er mir in einem Telefonat, dass er ein ganz neues Lebensgefühl
erfährt.