5. Sitzung: Eingegipst und abgestellt
Aufgewühlt durch die Geburtstagsfeier ihres Vaters am Vortag kommt die Klientin
zu weiteren Kindheitsbildern.
Kl.: „Als er meine Kinder massregelte, war ich wieder in diesem Scheissgefühl
von Schuld und Scham, wie ich das von früher kenne.“
Th.: „Sei wieder in diesem Gefühl, spür ihm nach und schau, was
dein Impuls dazu ist.“
Kl.: „Ich habe immer Angst gehabt vor dir, vor dir bin ich immer geflüchtet.
Und gestern, da war es wieder ganz deutlich da, dieses Gefühl von Beklemmung
und Demütigung, sodass ich am liebsten in den Boden versunken wäre.
Mein Gott, ich bin erwachsen – und dann noch so was!“
Sie macht ihrem Vater weiter erregt und laut Vorwürfe.
Kl.: „Immer musste ich leise sein, weil du arbeiten wolltest oder schlafen
wolltest! Ich konnte nie richtig spielen. Und Freunde durften auch nie mit ins
Haus. Am liebsten hättest du mich weggeschlossen!“
Nach dem Abreagieren ihrer Wut weint sie, ich lasse sie ihren Gefühlen nachspüren.
Die Klientin sieht sich auf ihrem Bett liegen mit Bandagen umwickelten, starren
Beinen.
Kl.: „Sie sind festgebunden am Bett!“
Th.: „Wie alt bist du? Was fühlst du?“
Kl.: „Ich bin noch ganz klein, keine 2 Jahre. Ich bin total hilflos und
schwach! Und jetzt kommt wieder dieses Ohnmachtsgefühl.“
Th.: „Ja, da ist wieder dieses Verhaltensmuster, dass du dich aus der Situation
herausziehen möchtest. Spür mal, ob du an deiner Lage etwas ändern
kannst.“
Die Klientin ruft ihren Vater, der nach mehrmaligem Rufen endlich erscheint, und
fordert ihn auf, die Bandagen an ihren Beinen zu zerschneiden.
Kl.: „Ich will mich endlich bewegen können.“
Mit zunehmender Entschiedenheit in ihrer Stimme kommt der Vater ihrer Aufforderung
nach. Mit dem Fallen der letzten Bandage fühlt sie ein intensives Durchpulsen
ihrer Beine, das sich auf ihren ganzen Körper ausbreitet. Sie bewegt ihre
Beine und fühlt sich befreit.
Körperliche Reaktionen sind immer ein Zeichen von energetischer Bewegung.
Hier geschieht Spannungsabbau.
Im Abschlussbild öffnet ihr der Vater lächelnd die Haustür und
sie sieht sich als Kind auf die Wiese laufen und umher tollen.
Th.: „Teste mal, ob deine Beine dich tragen und wie sich das anfühlt!“
Sie macht Gehversuche, die sich zunächst so anfühlen, als wären
sie lange eingegipst gewesen.
Die psychische Starre und Handlungsunfähigkeit sass sehr tief, was die körperübergreifende
Wirkung zeigt.
Kl.: „Ich bin frei“ und ruft laut und beglückt: „Endlich
kann ich mich bewegen!“
Th.: „Und wenn du jetzt noch mal zu dem Anfang der Sitzung zurückschaust?“
Kl.: „Ich spüre, dass ich meinem Vater die Stirn zeigen kann. Mir macht
keiner mehr Vorschriften, zumindest werden sie mich nicht mehr verletzen. Verändern
kann ich meinen Vater nicht, er ist ja schon ein sehr alter Mann.“